cartographies of the entre – identity, roots and relation

Welche sind meine Wurzeln?.
Wurzeln sind wichtig, aber sie sagen nicht alles über uns aus.
Wir gehen von einer scheinbar einfachen Frage aus: Was bedeutet Identität? Spielen unsere Wurzeln keine Rolle? Doch, Wurzeln zählen. Der Ort, aus dem wir kommen, die Sprache, die Landschaften, die Bräuche, die Zuneigungen, die familiären und kollektiven Geschichten, das weitergegebene Wissen, die Art und Weise, wie wir mit anderen und unserer Umgebung umgehen – all das ist Teil dessen, was wir sind.
Aber Wurzeln bilden keine abgeschlossene Definition von Identität. Es gibt nicht unbedingt einen ursprünglichen, unveränderlichen Kern, zu dem wir zurückkehren und sagen können: Das bin ich.
Unsere Wurzeln sind ein wichtiger Teil dessen, was uns ausmacht.
Migration kann eine tiefgreifende Bewegung in der Identität auslösen, weil sie uns mit «dem Anderen» konfrontiert: mit einer anderen Sprache, anderen Codes, einer anderen Gesellschaft, anderen Vorstellungen von Körper, Zeit, Beziehungen, Raum und Familie, mit einem anderen Alltag, der auf den ersten Blick banal erscheinen mag. In dieser Konfrontation entdecken wir nicht nur das „Andere“. Wir entdecken auch uns selbst als „die Anderen“ gegenüber dem Anderen. Vieles, was am Herkunftsort einfach «normal» erschien, wird aus der Distanz sichtbar. Die Begegnung mit dem Unterschied zwingt uns dazu, unsere eigenen Wurzeln neu zu betrachten.
Deshalb gefällt mir die Vorstellung, Migration als eine tektonische Verschiebung zu veranschaulichen: Die Platten bleiben weiterhin erkennbar, aber nach der Bewegung hat das Territorium nicht mehr genau dieselbe Form. Und noch etwas: Die Bewegung bringt nicht nur neue Erfahrungen mit sich. Sie kann auch etwas Altes zum Vorschein bringen, das vergraben war. Das eine Zeit lang unter den Trümmern gelegen hatte.
Damit stellt sich jedoch auch die Frage: Was geschieht mit den Menschen, die an ihrem Herkunftsort bleiben? Was geschieht mit der Identität derer, die nicht migrieren? Auch wer bleibt, verändert sich. Schließlich muss man sich nicht geografisch bewegen, um «dem Anderen» zu begegnen. Die Welt kommt zum Menschen: Generationen verändern sich, Beziehungen, Landschaften und wirtschaftliche Verhältnisse verändern sich, Menschen kommen und gehen, und mit ihnen verändern sich die Arten, wie eine Gemeinschaft denkt und von sich erzählt.
Es gibt einen Unterschied zwischen geografischer Verschiebung und Bewegung der Identität. Migration kann diese Bewegung besonders sichtbar und intensiv machen. Aber zu bleiben bedeutet nicht, unverändert zu bleiben. Das Beispiel einiger mexikanischer Gemeinschaften, für die der Maisanbau einen großen Teil ihrer Identität ausmacht, macht deutlich, dass eine tief verwurzelte Identität keineswegs unbeweglich sein muss. Land, Regen, Saatgut, Anbau, weitergegebenes Wissen, Oral History, Zyklen, Ernährung, Vorfahren und Gemeinschaft bilden ein Netzwerk. Sie bilden ein soziales Gefüge. Mais anzubauen bedeutet nicht nur, eine bereits bestehende Identität darzustellen. Die Praxis trägt dazu bei, diese Identität hervorzubringen und immer wieder neu entstehen zu lassen. Verschwindet der Anbau, verschwindet auch ein Netzwerk aus Wissen, Beziehungen, Zeitlichkeiten, Erinnerungen und Formen der Weitergabe. Identität ist also nicht nur individuell, sondern auch kollektiv.
Deshalb tritt das Bild einer einzelnen Wurzel, die zu einem Baumstamm gehört, in den Hintergrund. An seine Stelle tritt das Bild eines Mangrovenwaldes. Im Mangrovenwald gibt es viele Wurzeln unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft: geerbte und erworbene, angenommene und abgelehnte, sichtbare und untergetauchte. Die Wurzeln wachsen, verflechten sich, geben einander Halt, behindern sich, verschwinden, tauchen wieder auf und schaffen Territorium.
Und genau dieses Bild bringt mich Glissants Relation besonders nahe. Es geht nicht darum, sich eine ursprüngliche Identität vorzustellen, der wir später weitere Identitäten hinzufügen. Etwa nach diesem Bild:
Mexiko + Schweiz + andere Erfahrungen = neue Identität.
Nein. Vielmehr verändern neue Erfahrungen auch unsere Beziehung zu den früheren. Das heißt, eine neue Wurzel kommt also nicht einfach zu den anderen hinzu; sie verflicht sich mit ihnen. Wie in einem Mangrovenwald. Dadurch kann sich sogar die Bedeutung verändern, die wir einer viel älteren Wurzel zugeschrieben haben.
Somit lässt sich der Weg vom Ursprung zur Gegenwart nicht als eine lineare Bewegung verstehen. Der Weg hat Kurven, Unterbrechungen, Rückkehrbewegungen und Abzweigungen. Wir gehen in die eine Richtung, dann in die andere. Wir halten inne. Wir gehen weiter. Wir lassen Dinge zurück. Manche vergessen wir. Manche glauben, wir hätten sie vergessen.
Identität wäre dann nicht das Endergebnis eines Weges, sondern das, was während dieses Weges geschieht. Und dieser Weg verändert weiterhin sogar unseren Blick auf den Ursprung. Aber was geschieht auf diesem Weg? Was befindet sich in diesem ENTRE? In jenem Raum, den wir uns zunächst zwischen verschiedenen Wurzeln vorgestellt hatten. Aber nein. Das ENTRE hat keine eigenen Wurzeln; es entsteht aus der Relation zwischen ihnen.
Und mehr noch: Das ENTRE ist das Territorium, das die Wurzeln hervorbringen, indem sie miteinander in Beziehung treten. Doch auch dieses Territorium ist nicht passiv, denn es bringt seinerseits uns hervor. Uns. Mich. Uns alle. Wir sind keine vollständig geformten Individuen, die erst später Beziehungen eingehen. Auch die Beziehungen formen uns.
Deshalb ist das ENTRE nicht abgeschlossen, solange wir leben und Beziehungen eingehen. Und selbst danach können bestimmte Beziehungen, Geschichten, Praktiken und Erinnerungen sich weiter verändern und in anderen Menschen und Generationen auf andere Weise fortbestehen. Das ENTRE wäre also ein niemals vollständig abgeschlossener Prozess, in dem sich die Wurzeln begegnen, sich wandeln, verschieben und neue Beziehungen knüpfen – ein fortwährendes Handeln, das sich in der Relation herausbildet. Es geht nicht einfach darum, im ENTRE zu sein.
Und so führt uns die erste Frage – „Welche sind meine Wurzeln?” – schließlich zu einer anderen, viel offeneren Frage: Welches Territorium entsteht zwischen ihnen? Was geschieht in diesem Raum? Wie werde ich in diesem Territorium, das ich durch meine Beziehungen hervorbringe und das zugleich mich hervorbringt, zu dem, was ich bin? Wenn wir zum Bild des Mangrovenwaldes zurückkehren, taucht eine weitere Frage auf: Worauf wachsen diese Wurzeln? Was für ein Boden trägt sie?
Auf was für einen Nährboden gedeihen diese Wurzeln? Der Schlamm ist ein Wesensmerkmal des Mangrovenwaldes. Schlamm und Morast sind Bedingungen des Mangrovenwaldes und letztlich unverzichtbar für seine Existenz. Und wir können uns vorstellen, dass sich in diesem Schlamm die Sedimente dessen befinden, was uns ausmacht, die Sedimente unserer Geschichte: verlorene Erinnerungen, unvollständig von Generation zu Generation weitergegebene Erzählungen, Leerstellen in den Worten, Enttäuschungen, unklare Gewissheiten, geteiltes Wissen, Bewegungen, die wir nicht entziffern können, Erfahrungen, von denen wir uns entfernt haben, Gegenstände, von denen wir glaubten, sie in der Vergangenheit zurückgelassen zu haben.
Nicht alles, was uns ausmacht, ist sichtbar. Manchmal kommt dieser Schlamm an die Oberfläche: Ein Wort, ein Geruch, ein Mensch, ein Essen, eine Rückkehr, ein Verlust oder eine Migration können etwas hervortreten lassen, von dem wir glaubten, es vergessen zu haben. Dann ist das ENTRE nicht mehr nur horizontal – die Relation zwischen den einen und den anderen Wurzeln –, sondern erscheint zugleich als eine vertikale Bewegung zwischen verschiedenen Schichten.
Es geht nicht einfach darum, im ENTRE zu sein:
zwischen dem Sichtbaren und dem Untergetauchten,
zwischen dem Erinnerten und dem Vergessenen,
zwischen dem Geerbten und dem Erworbenen,
zwischen dem, was wir als unser Eigenes erkennen, und dem, von dem wir noch nicht wissen, dass es uns mit ausmacht.
Daher wird der Mangrovenwald nicht zu einer schönen Metapher für viele Wurzeln, die friedlich zusammenleben. Er ist ein sehr viel komplexeres, manchmal schwer zu begreifendes Gefüge, durchzogen von Spannungen: Manche Wurzeln behindern einander, einige verschwinden, andere werden zurückgewiesen. Manche Zugehörigkeiten werden uns von aussen auferlegt. Es gibt Widersprüche, Verlust, Machtverhältnisse, Schweigen. Gerade deshalb kann Relation Transformation hervorbringen. Nicht weil sich alles harmonisch zusammenfügt, sondern weil Begegnung auch Reibung bedeutet.
Bewegung.
An dieser Stelle kreuzen sich erneut die beiden Bilder, die diese Kartografie durchzogen haben: die tektonische Bewegung und der Mangrovenwald.Auch wenn sie zunächst unterschiedlich, vielleicht sogar gegensätzlich erscheinen mögen, schließen sie einander nicht aus. Die tektonische Bewegung: Verschiebung, Bruch, Konfrontation – das, was jene Wurzeln erschüttert, durch die wir zu verstehen glaubten, wer wir waren. Eine tektonische Bewegung kann den Mangrovenwald verändern. Sie kann verschüttete Wurzeln freilegen, Sedimente an die Oberfläche bringen und frühere Beziehungen verändern.
Der Mangrovenwald: langsames Wachstum, Sedimentation, Verflechtung, Beziehungen, die sich entwickeln und das Territorium verändern. Und auch der Mangrovenwald selbst steht nicht still. Er wächst, lagert Sedimente ab, verliert, nimmt auf, verändert sich.
Zwei Bilder, die nebeneinander bestehen, einander begegnen und sich gegenseitig verändern können.
Maricruz Peñaloza. Zürich, August 2026
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