die Brücke – Julia

Photo: ©Maricruz Peñaloza

Sie liebte es, auf der anderen Seite der Brücke zu spielen. Als ältestes von vier Kindern – drei Mädchen und ein Junge – spielte sie vor allem mit ihrer zweitältesten Schwester „comadritas“.

Dieses Spiel war ihre eigene Erfindung. Stundenlang plauderten sie, erzählten sich Geschichten und flanierten über die Brücke hin und her, als wäre sie die schönste Promenade der Welt. Genau wie die erwachsenen Frauen. Nur dass sie ihre Puppen dabeihatten. Unter der Brücke floss ein kleiner Bach.

Das Haus ihrer Kindheit lag außerhalb der Stadt, umgeben von tropischem Grün, wilden Pflanzen und Tieren. Wer auf dem Weg zur guatemaltekischen Grenze vorbeifuhr, konnte es von der Hauptstraße aus sehen: ein großes, weiß gestrichenes Haus mit einem weitläufigen Garten. Die Brücke führte zum Eingang des Hauses.

Viele Nachmittage verbrachte sie dort auch mit ihren Freundinnen. Dann spielten sie etwas anderes: Wer war die beste Primaballerina? Auf Zehenspitzen balancierten sie in ihren Dr.-Scholl-Holzsandalen mit den dunkelblauen Riemen und taten so, als tanzten sie auf der Bühne des Bolschoi-Balletts.

Unter den aufmerksamen Blicken von Tere und Andrea, den beiden Schwestern, die seit vielen Jahren im Haus arbeiteten, machten sie ihre Révérence. Arme hoch. Arme runter. Plié. Penché. Bauch einziehen. Brust heraus. Gerader Rücken. Tere und Andrea lachten mit den Mädchen. Andrea zeigte dabei ihre Zahnlücken.

Sie liebte ihre Dr.-Scholl-Sandalen. Für sie waren es die besten Ballerinaschuhe der Welt. So vergingen die Nachmittage nach der Schule, wenn die Sonne langsam tiefer sank und die Hitze nachließ. In der Dämmerung war sie nur noch eine ferne Erinnerung, während die frische Luft ihr Gesicht streichelte und mit ihren kurzen, glatten Haaren spielte.

Von Zeit zu Zeit lieferten sie und ihre Schwester sich Wettrennen. Sie rannten die ganze Länge der Brücke hin und zurück, immer wieder, und wetteten darauf, wer den Nachmittag gewinnen würde. Mal gewann die eine, mal die andere. Am Abend fielen beide erschöpft ins Bett.

Damals erschien ihr die Brücke riesig und endlos. Mit den Jahren wurde sie immer kleiner. Geblieben ist sie dennoch – nicht wegen ihrer Größe, sondern weil sie die Kindheit trug.

©2002

 


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