aufzeichnungen einer Kindheit: Mari Pepa

Photo: aus eigenem Album


„Schon als Kind hast du alles nach Farben sortiert, nicht wahr?“, sagte Antonieta zu Mari Pepa.

„Hmmm … das würde ich nicht so sagen. Oder vielleicht hat meine Fantasie die Dinge nach Farben geordnet?”, antwortete Mari Pepa.

„Eigentlich habe ich viel mehr Zeit damit verbracht, mit Glühwürmchen zu spielen … oder doch eben mit meiner Fantasie. Und ja, manchmal habe ich Dinge nach Farben geordnet. Unsere Stadt zum Beispiel – sie ist einfach orange! Hell. Hell.

Sie lächelt. Sie lächelt, weil sie daran denkt, dass in ihrer Stadt fast das ganze Jahr über die Sonne scheint. Außer während der Regenzeit verändert sie sich.  Dann bilden sich richtige Flüsse.

Sie hielt einen Moment inne und fragte:

„Erinnerst du dich daran …?“

Doch noch bevor Antonieta antworten konnte, brach Mari Pepa in Gelächter aus und erzählte weiter:

„Das Auto sah aus wie eine Chalupa aus Xochimilco oder wie eine Gondel aus Venedig. Es war unglaublich lang und fast zu schmal, um überhaupt ein Auto zu sein. Immer hatte ich das Gefühl, es würde auf der Straße schaukeln …

Wenn wir mit unseren Eltern in die Ferien fuhren, waren wir immer mit diesem großen grünen Auto unterwegs. Und unterwegs gab es so viel zu sehen: das Licht des Tages und die Stimmung der Nacht, die Kleidung der Menschen, völlig kitschige Dinge …Vor allem aber die Landschaft. Alles, was ich sah, wenn wir durch die Dörfer fuhren, verwandelte sich für mich in Farben und Licht.“

„Rot, blau, orange, braun, grün. So hatte alles angefangen“, sagte sie so leise, als wäre sie allein und würde mit sich selbst sprechen. Fast hatte sie vergessen, dass Antonieta ihr eine Frage gestellt hatte.

„… ich weiß nicht, ob das Licht des Tages und die Dunkelheit der Nacht auch einen Einfluss hatten“, fuhr Mari Pepa fort.

Sie schwieg einen Augenblick.

„¡Exacto!“, rief sie plötzlich, als stünde sie auf einer Theaterbühne, und erzählte weiter:

„Wenn wir drei Kinder hinten im Auto saßen, forderte uns unsere Mamá auf, aus dem Rückfenster zu schauen, den Himmel zu beobachten, die Sterne zu zählen und nach den Drei Königen und den Sternbildern Ausschau zu halten. Das war das Lieblingsspiel meiner Geschwister – und auch meines. Meistens war ich diejenige, die die drei Sterne der Könige zuerst entdeckte. Es war wundervoll, sie zusammen am Himmel zu sehen.

Nachts hatte ich allerdings ein bisschen Angst, das muss ich zugeben. Die Dunkelheit … die Unendlichkeit des Universums … des Himmels … das war mir manchmal unheimlich.

Und doch haben mir diese winzigen Lichter dort oben immer gefallen. Sie erinnerten mich an die Glühwürmchen, die in unserem Garten leuchteten. Ach, wie sehr ich sie geliebt habe! Ich lief ihnen hinterher, rannte kreuz und quer, um sie einzufangen. Nicht, um ihnen wehzutun. Niemals. Ich wollte nur mit ihnen spielen. Mit ihnen tanzen. Mit ihnen reden.

Diese kleinen Lichter, die lautlos durch die Luft schwebten …

“Ich habe sie nie wieder gesehen” – Mari Pepa seufzte, als spräche sie von alten Freundinnen, die eines Tages verschwunden waren.

„Mein Vater fuhr am liebsten in der Dämmerung los. Nach einer Weile wurde draußen alles schwarz.

Absolute Dunkelheit.

Licht aus.

Nur die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos durchbrachen die Nacht.

Bevor wir Kinder auf dem Rücksitz einschliefen, erzählte uns unsere Mamá die Legende von Cocay, dem Maya-Glühwürmchen. Das war meine Lieblingsgeschichte. 

Ich stellte mir vor, dass die Sterne am Himmel Glühwürmchen waren. Dass sie uns begleiteten. Dass sie unseren Weg erleuchteten.

“Mamá, wenn alle Sterne auf die Erde fallen – können dann alle Menschen wie Cocay leuchten?”

(singt)

Fly me to the Moon…

Let me play among the stars

Let me see what spring is like on

Jupiter and Mars

*In other words… hold my hand

©2023


©maricruz peñaloza 2026. All rights reserved. Total or partial reproduction of the texts or photos is expressly prohibited. All rights belong to the artist, both the texts and the photographs.