ohne umschweife: Marina

Photo: ©Maricruz Peñaloza

 

Ohne Umschweife: Marina 

In einer noch unbekannten Millionenstadt Auto zu fahren, erfordert viel Erfahrung und Nerven. Eine richtige Herausforderung. Bei Regen rollt der Verkehr noch viel langsamer als sonst. Marinas Geduld wird auf die Probe gestellt. Ihre Nerven auch.  Überholmanöver, Hupen, Schimpfen, Kälte, Regen. Jeder gegen jeden. Je aggressiver die Menschen werden, desto chaotischer scheint der Verkehr.Grau in Grau, voller Smog und irgendwie traurig. So hatte sie es empfunden. Von einem Extrem ins andere war Marina gegangen.

Plötzlich scheint die Sonne tagelang nicht mehr. Der Asphalt ist oft nass, der Verkehr chaotisch. Unfreundliche und nervöse Menschen, die von einem Ort zum anderen hetzen.Ein heilloses Durcheinander auf den Strassen. Luftverschmutzung. Alles neu, alles ungewohnt.

Mit gerade einmal 18 Jahren war Marina nach Mexiko City gezogen. Sie schrieb sich an der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) ein, um Soziologie zu studieren.

Schnell fahrende, gelbe Busse. Schnell fahrende grüne Peseros, die überall anhalten und Fahrgäste aufnehmen. Pfeifende Polizist*innen, die wenig tun können, um den Verkehr zu regeln. Sie pfeifen ohne Sinn und Verstand und verursachen noch mehr Lärm und Chaos. Hier und da ein Radfahrer, der auf einem Anhänger hinter seinem Fahrrad allerlei Waren transportiert. Motorisierte Kuriere, die sich durch den Verkehr winden. Ungeduldig hupende Autofahrer*innen und Menschen, die zwischen den Autos die Straße überqueren – ein lebensgefährliches Spiel.

“¡Madre mía!”, ruft Marina, wenn sie die beeindruckenden, fast fliegenden Menschen sieht, die die grossen Avenidas der Stadt überqueren und sich durch den Verkehr schlängeln. Und das bei jedem Wetter. Marina bewundert ihren Mut und kann sie doch nur bedauern. 

«Odio la lluvia en esta ciudad. ¡La odio, en verdad!», sagt sie laut und schreit:  «¡Mi-er-da!» (Scheisse!) Sie schimpft gerne beim Autofahren und lässt ihrem Frust freien Lauf.

Die Scheibenwischer bewegen sich. Hin und her. Hin und her, aber es hilft nicht viel. Es ist unmöglich, den Überblick zu behalten. Mitten durch diesen Asphaltschlund zu fahren, war wirklich nichts für Marina. Regentage sind in dieser Stadt ihr Grauen. 

Tropische Regenfälle mit Blitzen, die Bananenstauden, Mangobäume und das dichte Unterholz in Stücke zu reißen schienen. Stromausfälle, vom Regen geformte Flüsse – an all das war sie gewöhnt. Aber auch an alle möglichen Lebewesen, sogar an Vulkane, die ihre Asche ausspucken, aber nicht an diesen Dschungel, wo die Tropfen auf den Asphalt fallen… und wo es auch ums Überleben geht. 

Marina, das verwöhnte Kind des Südens, war gezwungen zu lernen, sich in der Grossstadt zurechtzufinden. Sie musste sich an jedes Klima, an jede Situation anpassen. An alles.

Als Neuankömmling hatte sie sich oft gefragt: “Was mache ich hier? in einer Stadt voller Verrückter? Die Stadt gefiel ihr anfangs nicht besonders. Nein, nicht wirklich. Nicht, weil sie nicht interessant gewesen wäre, sondern weil Marina sich in ihr selbst überlassen fühlte. Sie fühlte sich verloren… Sie musste sich einfach durchbeißen. Schließlich war sie hierher gekommen, um an der Universität zu studieren. Das wollte sie unbedingt. “Ich muss mich auf mein Studium konzentrieren”, hatte sie sich immer wieder gesagt. 

In ihrer Einsamkeit hatte Marina gelernt, stark zu werden, sich durchzuschlagen, den Alltag zu meistern und ihn zu leben. Ihr Alltag war fremd und zugleich außergewöhnlich, überraschend, manchmal sogar extravagant. Fremd fühlte sie sich auch. Marina war nicht mehr in ihrer gewohnten Umgebung, sie war in die Höhle des Löwen eingedrungen. Als befände sie sich in einem Dschungel aus Asphalt. Dieser Gedanke ließ sie nicht los. Marina hatte Heimweh, aber sie wollte es nicht zugeben. Vor allem, um ihre Eltern nicht zu beunruhigen. Sie hatte alles, sie brauchte nicht zu arbeiten, sie brauchte sich nur zu konzentrieren, um zu studieren.

“Marina, wie kannst du in einer Millionenstadt Freundlichkeit erwarten?  Eine ihrer besten Jugendfreundinnen sagte das immer wieder. Dabei deutete sie mit dem Zeigefinger auf ihre Schläfe. Ein Zeichen, das bedeutete: ¿Estás loca?

Nein, haben wir nicht! 

Aber doch… Die da! Was kostet das Kilo? 

Nein, bekam Marina häufig zu hören.

Sie musste schon oft mit dem Finger auf das zeigen, was sie wollte. Auch auf dem Markt entdeckte sie Früchte mit anderen Namen als die, die sie kannte. Und nicht selten hatte sie das Gefühl, nicht verstanden zu werden. Jeden Samstag fand direkt vor ihrer Haustür der Tianguis statt. Ein traditioneller Markt, dessen Geschichte bis in die Zeit der Azteken zurückreicht. Jeden Tag der Woche baute der Markt seine Stände in einem anderen Stadtviertel auf und brachte seine Waren zum Verkauf.

Tomaten 6 Pesos el Kilo! Mais, 17 Pesos el Kilo!, schwarze Bohnen, 6 Pesos!, Nopales…20 Pesos! 

Kommen Sie, Señorita! Was darf es sein? Bitte da lang! Die beste Ware auf dem ganzen Markt! Sehr, sehr frisch!

Marina war vom Markt fasziniert und beobachtete die Menschen. Sie liebte das vielfältige Angebot an Gemüse, Obst und Blumen. Und die pinkfarbenen Markisen an den Ständen. Marina liebte alles. Langsam entdeckt Marina die Farben der Stadt und die Freudigkeit der Menschen, was sie vorher nicht sehen konnte.

Im prähispanischen Mexiko wurden Grundnahrungsmittel wie Obst, Gemüse, Eier, lebende Tiere, Geflügel, Fleisch, Baumwolle und Pflanzen auf Matten aus Palm- oder Maguey-Blättern verkauft, die auf dem Boden der grossen Tianguis ausgelegt waren. Zu dieser Zeit war der Kakao unter anderem auch ein Zahlungsmittel. Der Platz war so gross, dass sich dort alles abspielte: vom Verkauf aller möglichen Waren über die Bestrafung von Dieben bis hin zu Hinrichtungen.  In der Kolonialzeit waren die katholischen Priester, die den Markt besuchten, von seiner Größe beeindruckt: „Er ist doppelt so gross wie die Stadt Salamanca“, staunten sie. Da sich so viele Menschen auf dem Markt versammelten, begannen die Priester dort zu missionieren. “Venid Hermanos, venid a escuchar la palabra de Dios”.

Die Gerüche, die Geräusche in der Großstadt sind völlig anders. Ebenso die Menschen. Das Licht am Tag. Die Lichter in der Nacht. Der Lärm der Flugzeuge, die dicht über die Dächer der Stadt fliegen. Der unaufhörliche Lärm der Krankenwagen, der jedem das Ohr durchbohrt und das Trommelfell zerreißt, und der Feuerwehrwagen, die den ganzen Tag durch die Straßen fahren und manchmal den Verkehr durcheinander bringen.   Die vielen gelben und grünen VW-Käfer, die als Taxis durch die Stadt schwirren. Alte und neue. Die langen Modellautos, die wie Gondeln auf venezianischen Kanälen durch die Stadt schippern. Strassenverkäufer*innen, die alles von Spielzeug über Süßigkeiten bis hin zu Flaggen verkaufen und sie an jeder Ampel lautstark feilbieten. Strassenkünstler*innen, Kinder und Jugendliche, die für ein paar Pesos Feuer schlucken oder gefährlich zwischen Autos jonglieren oder im Regen Windschutzscheiben putzen und dabei oft chemische Substanzen einatmen, um ihr Unglück und den Alltag zu überleben. Mit diesen Bildern wird Marina täglich konfrontiert:  Dystopien und Utopien der Grossstadt.

Viele Mexikos leben in Mexiko und prallen aufeinander. Wie viele gibt es eigentlich?, fragt sich Marina oft.

Marina zieht es vor, von mexikanischen Ethnien zu sprechen, weil sie historisch und kulturell miteinander verbunden sind. Das ist ihre soziologische Sicht, sagte sie. Jede Ethnie habe ihre eigene Kosmogonie, ihre eigene Weltanschauung. Ihre Sprachen, ihre Kultur, ihre Traditionen, ihre historischen Erzählungen, ihr Wissen, ihre Medizin, ihre Ernährung, ihre Rituale, die von den Müttern, Vätern und Grosseltern an die Kinder weitergegeben werden. Aber auch die Kreolen und Kreolinnen, die in Mexiko geborenen Kinder von Europäer*innen, sind entstanden. Die in der Kolonialzeit geschaffenen Kasten – die der Spanier, der Indigenen und der Schwarzen – haben neue Machtverhältnisse geschaffen und die bestehenden verändert.

Was es bedeutet, privilegiert zu sein, wurde Marina vor Augen geführt, als sie an die Universität ging und auf Kommiliton*innen aus allen sozialen Schichten traf. Dann wurde sie mit verschiedenen Realitäten und strukturellen Problemen konfrontiert. Sie vertiefte sich in die Geschichte Mexikos, eines ihrer Lieblingsfächer seit ihrer Schulzeit, was sie sehr prägte und einen grossen Einfluss auf ihre weitere Entwicklung hatte. So begann sie, viele andere Theoretiker*innen zu lesen: von der Linken und von der Rechten.  Sie liebte es, mit ihren Klassenkamerad*innen über Theorien zu diskutieren. Sie ass buchstäblich Bücher, und manchmal hatte sie nicht genug Geld, um noch mehr Bücher zu kaufen und zu lesen. 

Auf dem Weg zur Universität oder wohin auch immer ging sie am Blumenladen vorbei und grüsste Don Pepe. Er stand immer an der Ecke zwischen dem Postamt und dem Kiosk. Er war immer zu einem Schwätzchen bereit, immer freundlich, immer mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht, genau wie seine Blumen, dachte Marina. In der Umgebung befanden sich die emblematischen Multifamiliares Miguel Alemán, ein Wohnkomplex, der zu den architektonischen Meisterwerken des 20. Jahrhunderts zählt, eines der wichtigsten Vertreter der zeitgenössischen mexikanischen Architektur.  Ihren Freund*innen erzählt Marina oft, wie diese Wohnblöcke entstanden sind. Ein bisschen stolz ist sie schon, so tolle Nachbarn zu haben. Auch wenn sie heute etwas heruntergekommen sind. Das Erdbeben, das Mexiko City im September 1985 erschütterte, hatte diesen Gebäuden keinen grossen Schaden zugefügt. Marina war Zeugin der Katastrophe.

Spannende Geschichten. Fliessende Verflechtungen. Ästhetisches und architektonisches Vokabular einer Stadt… Urbane Ästhetik.

An Regentagen wird der Asphalt zum Star. Nach dem Gewitter kommt die Ruhe. Dann geht sie zu Fuss durch das Viertel, und in den Pfützen, die zurückbleiben, spiegeln sich die Häuser und alles, was zu sehen ist, in Bruchstücke. Marina findet es schön, sie bleibt stehen und schaut.. Das Elend des Autofahrens und das Chaos dieser riesigen Stadt vergisst Marina in diesem Moment. Aber sie denkt laut über die vielen Ungerechtigkeiten in Mexiko nach.  Mit der Zeit fand Marina ihren Platz in der Fakultät, aber auch in der Stadt, die sie nicht mochte. Sie widmete sich ihrem Studium, las, tauschte sich aus und führte lange und lebhafte Diskussionen mit ihren Kolleginnen und Kollegen, auch ausserhalb der Universität und im Kreise ihrer Familie. Allmählich sah sie die Stadt mit anderen Augen.  Sie fühlte sich in jeder Hinsicht wohl. Bald hatte sie, wie sie lachend sagt, einen „soziologischen, ethnologischen, anthropologischen und zoologischen Blick“ und entdeckte fasziniert die vielen Mexikos, die in dieser Stadt existieren, aber auch aneinandergeraten: Bunt. Ein Universum für sich, ein traumhaftes, synkretistisches Universum voller Gegensätze und Widersprüche. Rassismus, Armut, extremer Reichtum im wahrsten und weitesten Sinne des Wortes.

Vergessen waren die grauen Tage, vergessen war der Regen, vergessen war auch das Verkehrschaos. …. Rot, grün, weiss, blau, braun, so vergingen ihre Tage.  Im Wechselspiel der Farben, der Augenblicke, der Träume und der Liebe.

Ein Mexiko City mit vielen Gesichtern und Geschichten, viele Mexikos in einem. Im Universum ihrer mexikanischen Idiosynkrasie hat Marina dennoch ihren Platz in diesem Geflecht gefunden, zu dem sie auch  gehört.

„Unsere Unterschiede und Gemeinsamkeiten, deine und meine“, schreibt Marina in ihrem Tagebuch über die vielen Mexikos, die in Mexiko City zusammenleben, “sie sind nicht mehr so gross, und ich kann mich in ihnen wiederfinden und wiedererkennen. 

Auch in den Farben und Dichotomien des Alltags. Mit ihren Mythen und Wahrheiten, mit den vielen Andersartigem , den Gerüchen, den Klingeltönen, den Strassenhändler*innen, den rasenden Autos, den Allegorien und der Semiotik der Stadt, der Grossstadt”. 


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