
Ein Versuch, essayistische Reflexionen niederzuschreiben – Gedanken, Bilder, Überzeugungen und neue Realitäten – Gedanken, die aus einer realen körperlichen Erfahrung entstehen -.
Der fragmentierte und verletzte Körper ist nicht nur ein persönlicher Körper, sondern auch ein sozialer, politischer und erinnernder Körper. Er ist ein Körper, der Spuren trägt: Migration. Gewalt. Verlust. Arbeit. Sprache. Grenzen. Erwartungen. Unsichtbarkeit. Aber auch Nähe, Widerstand und Erinnerung.
Ich bin – und nicht nur ich – geprägt von Brüchen, Rollen, Erinnerungen, inneren Widersprüchen und Orten, die gleichzeitig in uns leben. Vielleicht liegt die Würde des verletzten Körpers nicht darin, wieder „heil“ zu werden, sondern darin, empfindsam zu bleiben. Wahrnehmend. Auf Beziehung hin ausgerichtet. Fähig, Präsenz zu erzeugen.
Ein Körper zittert, hält inne, verschwindet, trägt und erinnert, ohne alles erklären zu müssen. Oder gar nichts. Der fragmentierte Körper entzieht sich einer linearen Erzählung. Er ist niemals vollständig lesbar.
Selbst der fragmentierte Körper erzeugt Resonanz. Vielleicht sogar intensiver als der „perfekte“ Körper. Verletzlichkeit bedeutet nicht Schwäche. Es ist die Fähigkeit, trotz aller Zerbrechlichkeit mit der Welt in Verbindung zu bleiben.
Fragmentierung bedeutet nicht nur Verlust, sondern auch Offenheit, Porosität und neue Möglichkeiten. Ein Körper, durchzogen von Geschichten und Territorium. Porosität bedeutet Offenheit. Sie lässt Dinge hindurch. Erinnerungen. Schmerz. Menschen. Geschichten. Emotionen. Sprache. Vielleicht ist genau diese poröse Existenz eine Form von Ehrlichkeit.
Porosität ist keine Öffnung ohne Grenzen.
Porosität ist die Möglichkeit von Austausch.
Ein Hin und Her. Ein gleichzeitiges Existieren widersprüchlicher Zustände, Stimmen, Realitäten und Zugehörigkeiten. Kein Stillstand, sondern eine fortwährende Aushandlung der Existenz. Genau dort entstehen Spannung, Präsenz und manchmal sogar Poesie.
Der fragmentierte Körper ist ein Körper in Aushandlung.
Meine Verletzung scheint etwas sichtbar gemacht zu haben, das vielleicht schon lange da war: die Beziehung zwischen Fragilität, Durchlässigkeit, Erinnerung und Existenz. Manchmal zwingt mich mein Körper zu einer anderen Aufmerksamkeit. Zu einer anderen Zeitlichkeit. Und gerade in dieser Unterbrechung entsteht oft eine andere Form von Erkenntnis.
Mein Körper trägt fragmentierte und reparierte Teilen in sich. Wie eine Spannung zwischen Verletzlichkeit und dem Weitergehen des Lebens. Reparatur bedeutet keine Rückkehr zum ursprünglichen Zustand. Etwas bleibt zurück. Eine Spur. Eine Narbe. Eine andere Empfindsamkeit. Vielleicht sogar eine neue Form der Wahrnehmung.
Mein Körper ist niemals fertig. Die Zeit formt ihn, verletzt ihn, repariert ihn und erinnert ihn fortwährend.
Der Körper erzählt seine Geschichte nicht linear, sondern in Fragmenten, Brüchen und verheilten Stellen. Er lebt weiter mit seinen Spuren. Mit seinen sichtbaren Narben. Ein verletzter Körper befindet sich in einem fortwährenden Aushandlungsprozess, und all dies ist Teil einer Konstellation von Erfahrungen, Gedanken und Präsenzen, die in Bewegung bleiben.
Ein Körper voller Narben, deren Spuren auch mit der Zeit nicht verschwinden. Ein Körper, gezeichnet von der Konvergenz von Emotionen, Gefühlen und fragmentierten, irreduziblen Geschichten – so unaufhörlich wie der Atem selbst.
Ich versuche nicht, Widersprüche zu verbergen. Ich erlaube ihnen, nebeneinander zu existieren. Ohne Erklärungen.
All diese Gedanken erinnern mich auch an Gloria Anzaldúa: an das Leben im Dazwischen, in dem Widersprüche nicht aufgelöst werden, sondern nebeneinander bestehen dürfen. Oder an Édouard Glissant, für den Identität niemals abgeschlossen ist, sondern relational, offen und fragmentarisch bleibt.
Wie bewohnt man einen schmerzenden Körper?
©Zürich, Mai/Juni 2026
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