das Meer

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Sie liebt die Gerüche des Meeres, die wilde Wellen, das grüne, salzige Wasser dessen Geschmack ziemlich lange in ihrem Mund bleibt. Sie liebt sogar, wenn das Meer wütend auf irgendwen ist. Zornig und wütend. Sie liebte es unter den grossen Wellen zu tauchen. Das macht ihr richtig Spass.

Oft wird sie aus dem Meer herausgeworfen, und von Kopf bis Fuss und bis im innersten Bereich ihres Körpers voller Sand bedeckt. Ihr machte das nicht so viel aus.

Sie genoss mit den Geschwistern und Cousinen herumzualbern aber sie hörte auch hin gespannt worüber die Erwachsenen diskutiert hatten. Sie hatten gerne und laut über Politik geredet, über die soziale und wirtschaftliche Lage, vor allem über das politische Geschehen der Region. Eine Region die bis dahin Verlassen und Vergessen von den Rest Mexikos wurde. Ja, im Stich gelassen. Obwohl eine ganz wichtige Region hinsichtlich ihrer geographischen Lage ist.

Kein Politiker hatte sich für die Grenze im Süden interessiert, nicht einmal als eine Frage der national Sicherheit. Erst Jahre später, als die Flüchtlinge aus Guatemala kamen, hatten sich der Präsident und sein Kabinett diese Frage gestellt. Erst dann, Anfang de 80er Jahren.

Der neue Hafen sollte in San Benito gebaut werden und dieser sollte der Region wieder den Wohlstand mit sich bringen, den sie einmal vor vielen Jahren erlebt hatte, und vor allem die ersehnte Verbindung mit dem Nabel des Landes wiederherstellen. Langsam wurde viel Geld bei der ‹Carretera Costera ›, der Autostrasse entlang der Küste investiert. Es wurden Flüge von und nach Mexiko City jeden Tag angeboten. Der Eisenbahn der Anfang XX Jahrhundert gebaut wurde, hatte Modernität, Entwicklung und Fortschritt bedeutet, aber vor allem, Anschluss zum Zentrum des Landes hatte es gehabt. Das war alles schon vorbei. Es war Mitte der 70er Jahren.

Man brauchte einen Hafen, der fehlte noch immer. Die San Benito Strände sowie das kleine Fischer Dorf Puerto Madero wären dafür geeignet.

Der Papa und die Onkel hatten lange und oft darüber diskutiert. Sie waren dafür. Sie hatte ihre Ohren ziemlich offen und hörte all diese Diskussionen sehr gerne. Insgeheim wollte sie aber keinen Hafen, sie wollte ihre Strände so wie sie waren, nackt, leer und nur für sie haben. Stimmt, die Strände waren nicht speziell schön. Das Meer war ziemlich wild, ein offenes Meer. Es war ein Meer mit dunkel und körnigen Sand.

Der neue Hafen wurde plötzlich ein zentrales Thema bei allen, nicht nur bei ihrer Familie,  überall hatte man was neues davon gehört. Es war omnipräsent.

Man brauchte nur der Segen des damaligen Gouverneur um den ersehnten Hafen zu bauen. Der Gouverneur war eher dagegen, dessen Argumente waren, dass der Hafen keine Rendite bringen würde. Wozu alles? Wer wird dieser Hafen nützen? Sollte man Bananen per Schiff exportieren? Nach San Francisco? Nach Kanada? Kaffe? Und Baumwolle? Damals gab es noch viele Baumwolle Plantagen, heute gibt es gar keine einzige mehr, nur in den Gedächtnis der Bevölkerung. Trotz dieser Argumentation, eines Tages kam der Gouverneur mit der Nachricht, dass der Bau des Hafens bewilligt worden sei. Zur Freude der Grossgrundbesitzern, und zum Wohle der Wirtschaft der ganzen Region, auch wenn nur für eine relative kurze Zeit. Auf sich hatten die dabei erhofften goldene Jahre warten lassen.

6 Monaten lang fuhren jeden Tag, 51 Kilometer hin und zurück, Tag und Nacht, mit 80 Tonnen Steinblöcken beladenen Lastwagen. Die Steine hatten sie von einem kleinen Ort ganz nahe an der Grenze zu Guatemala bis nach San Benito gebracht.

Während und nach der Bauarbeiten waren von Neugierde angetriebenen Zuschauer hingefahren, vor allem am Wochenende. Niemand wollte sich diesem Spektakel entgehen lassen: Kräne, Lastwagen, hunderte von Bauarbeitern die aus überall her kamen, den Kanal, das Hafengebiet, die zwei lange Steindämme. Alle träumten davon, eines Tages, die ganz grosse Schiff und Container am Hafen San Benito zu sehen. Die Mädchen von San Benito hatten gedacht, sie könnten ihre Prinzen unter den Seemänner finden, sie heiraten und eine Familie gründen.

Diese ganze Geschichte hatte sich nach knapp zwei Jahre als nutzlos ergibt. Sie war in der Luft verschwunden. Niemand konnte diesen Hafen brauchen. Dieser Millionenbau wurde wortwörtlich in den Sand gesteckt, oder doch ins Meer geworfen. Bananen zum exportiert gab es nicht mehr allzu viel, Kaffee auch nicht und der Baumwolle war praktisch verschwunden. Die kleine und wenige Hotelanlagen im Dorf wurden durch Flut und Ebbe beschädigt und viele private Häuser, die nur am Wochenende besetzt waren, sind verschwunden, im Meer ertrunken. Die Euphorie war  ebenfalls verschwunden. Nichts ist aus dem Hafen geworden. Viel Geld umsonst. Enttäuschung total. Diese Episode geriet in einer bitteren Vergessenheit.

Aber das Meer ihrer Kindheit nicht. Sie kommt immer wieder und oft zurück, zumindest mit ihren Gedanken. Sie malt es sich immer und immer wieder aus. Sie vergisst es nicht. Viele Erinnerungen begleiten sie ständig, manchmal wirken sie wie ein Beruhigungsmittel, wenn sie im Bett liegt und nicht einschlafen kann. Dann denkt sie daran. An ihr Meer. An ihren Strand. An das unendliche des Horizonts. An die viele Stunden die sie am Strand verbrachte und mit dem dunklen Sand gespielt hatte. Zusammen mit ihren Geschwister, Cousinen und Freundinnen aber auch an den Hafen.

Das Unendliche der Sehnsucht. Gedanken. Gefühle. Erinnerungen. Sand. Kindheit. Palmen. Jugend. Hängematte. Sandburg. Wellen. Wasser. Wind. Kokosnuss Wasser. Marimba. Duft des Meeres. Papierdrachen. Sonnenuntergang. Laufen. Lachen. Rennen. Spielen. Plaudern. Tanzen. Lesen.

Ihr Meer…

©maricruz peñaloza